Oberhessische Presse vom
Mittwoch, 2. März 2005:
Wenn die Seele der Geige
klingt
Elgars Violinkonzert und Dvoráks achte
Sinfonie begeisterten Konzertvereins-Publikum
Marburg. 650 Musikfreunde
kamen am Montag in die Marburger Stadthalle, um die georgische Geigerin Liana Issakadze und das 1988 gegründete Litauische
Staats-Sinfonieorchester zu
hören.
von Michael Arndt
Antonin Dvoräks Slawische Tänze sind beliebte Zugabestücke. Aber
auch als Ouvertüre eignen sie sich. Den Beweis erbrachte das Litauische
Staats-Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Gintaras
Rinkevicius: Mit der feurigen Nummer acht aus Opus 46 gaben die 75 Musiker einen glänzenden
Einstand, der einen großartigen Konzertabend versprach.
Eingelöst wurde
das Versprechen mit einem hierzulande viel zu selten gespielten Komponisten. Im
Programm des Marburger Konzertvereins war Edward Elgar
erstmals im vergangenen März vertreten, sieben Jahrzehnte nach seinem Tod und
nur mit einem Nebenwerk, der „Nursery-Suite". Am
Montag erklang endlich ein Meisterwerk des bedeutendsten britischen Komponisten, das 1910 uraufgeführte
h-Moll-Violinkonzert op. 61. Kenner preisen es in einem Atemzug mit den
Gattungsgipfeln von Beethoven und Brahms.
Im Zusammenhang
mit seinem Violinkonzert sprach Elgar immer wieder
von darin verborgener Seele - und meinte seine eigene sowie die einer ihm sehr
nahe stehenden Freundin, vor allem aber die Seele der Geige, die Liana Issakadze zum Klingen brachte.
Herb und zugleich
süß war ihr Ton, wenn die Musik von schmerzlichen Erinnerungen spricht, so
gleich beim ersten Einsatz mitten in einer Phrase der ausgedehnten Orchestereinleitung,
aber auch im breit ausgesungenen Mittelsatz,
besonders jedoch in der langen Kadenz des Finalsatzes. Sie ist der Höhepunkt
des 50-minütigen Konzertes und zugleich die am stärksten in sich gekehrte
Passage. Während die Violine über Themen aus dem Kopfsatz sinniert, trommeln
die Orchesterstreicher mit den Fingern auf die Saiten ihrer Instrumente, simulieren
so den Klang einer fernen Harfe - ein einmaliger Instrumentationseffekt.
Issakadze
blieb aber auch den hohen Ansprüchen, die dieses Werk an geigerische
Virtuosität stellt, nichts schuldig, zeigte dabei geradezu südländische
Leidenschaft bis hin zum Fieberwahn, wenn Hoffnung sich für kurze Zeit in Elgars melancholischer Musik Bahn bricht.
Die 650 Zuhörer
honorierten diese grandiose Leistung mit lang anhaltendem Beifall und Bravo-Rufen, wofür sich Issakadze
mit einem Ausschnitt aus Bachs 15-minütiger Chaconne
BWV 1004 bedankte.
In Rinkevicius hatte Issakadze einen
gleichgestimmten Partner am Pult. Seine Körpersprache
weist ihn als Emotionsmusiker aus, und er hat eine Vorliebe für starke Kontraste
in Tempo und Dynamik.
Das Litauische
Staats-Sinfonieorchester, dessen Chef er seit der Gründung 1988 ist, folgte
auch in Dvoräks Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88 jeder
seiner Vorgaben mit begeisternder Hingabe. Besonders wohltuend war, dass Rinkevicius die Blechbläser an der kurzen Leine hielt zu
Gunsten eines auch noch im Piano satten Streicherklangs. Auch diesmal wollte
der Applaus nicht enden, so dass es als Zugabe noch die „Farandole"
aus Bizets „L'Arle-sienne"-Suite Nr. 2. gab - in
rekordverdächtigem Tempo, wie es nur ein Spitzenorchester bewältigen kann
