Auf die Frage der Oberhessischen Presse:

 

Was bedeutet Ihnen Mozart?

 

 

Der Volltext des Konzertvereinsvorsitzenden

 

 

 

Heitere Eleganz, lyrischer Ernst, Beseeltheit ... und abgrundtiefe Trauer

 

 

Zweifellos ist Mozart - wie die globale Beachtung seines 250. Geburtstages ohne weiteres nahelegt - einer der größten Komponisten, für mich neben (oder doch: nach?) Bach der größte Komponist aller Zeiten. Selbst Hörer ohne jede musikalische Vorbildung empfinden seine Musik intuitiv als schön. Die unendliche Fülle seines Melodienreichtums, der zugleich oft mit - scheinbar - einfachsten musikalischen Mitteln bei denkbar geringem instrumentalem Aufwand umgesetzt ist, nimmt schon in frühen Stadien des Klavier- oder Violinunterrichts gefangen. Mozart ist der Komponist für Melodieinstrumente schlechthin. Für Instrumente gerade der oberen Tonlagen, Violine, Flöte, Klarinette, und erst recht für Sänger, Sopran bis in die höchsten Diskantlagen (Königin der Nacht), Tenor (Tamino), gibt es eine unerschöpfliche Fülle an Werken höchsten Ranges. Auch die rechte Klavierhand muss "singen", legato, ohne Pedal, was vermeintlich "leichte" Klavierkompositionen selbst für Virtuosen so schwer macht. Dass Mozart aber keineswegs - wie ein bekannter Klaviersolist einmal bösartig bemerkte - "ein Komponist für die rechte Hand", also für  Melodie mit Begleitung ist, beweisen z.B. seine Streichquartette, in denen die vier Stimmen in manchen Durchführungspassagen gleichzeitig vollkommen unabhängig agieren (Beispiele: KV 387, 458, 465, 499, 575, 590).

 

Seine Musik ist alles andere als nur rokokohaft elegant, leicht, graziös. Selbst wo Mozarts Zeitgenossen nahezu die gleichen Töne schreiben (Salieri), ergreift Mozarts Musik in ungleich stärkerem Maße. Sie ist immanent beseelt von einer tiefen, ernsten Lyrik. Hören Sie etwa die Klavierkonzerte KV 414, 488, die Violinsonate KV 526, das Klarinettenquintett und das Klarinettenkonzert. Ob es Zufall ist, dass diese Werke alle in A - Dur stehen? Ich weiß es nicht. Auch in vielen anderen Werken brechen ganz unvermittelt Passagen überirdischer Schönheit über musikantisch-virtuos gefällige Abläufe herein, zum Beispiel im letzten Satz des Klavierkonzerts Es-Dur KV 271. Ins virtuose Rondo wird vom Soloklavier plötzlich ein ruhiges Lied im Dreiviertel-Takt eingeführt, wie es schöner nicht sein könnte. Übrigens zitiert Liszt dieses Seitenthema gleich nach dem Beginn seines eigenen Es-Dur Klavierkonzerts, und Beethoven orientiert sein berühmtes fünftes Klavierkonzert formal ausgeprägt an jenem Mozart'schen "Jeunehomme"-Konzert.

 

Im Gegensatz zu diesen Nachfolgern liegt Mozart alles vordergründige Pathos eher fern. Seine - wenigen - idealistischen Operngestalten, beispielsweise Sarastro, scheinen musikalisch recht blass ausgestaltet.

 

Manche kompositorischen Einfälle müssen den Zeitgenossen als unerhört, revolutionär, ja geradezu anarchisch vorgekommen sein, Beispiel: der völlig atonale Beginn des Dissonanzen-Quartetts KV 465, der die Wiener Schule des frühen 20. Jahrhunderts vorwegzunehmen scheint.

 

Selbstverständlich hat Mozart den sogenannten "großen Apparat", das große Sinfonieorchester, ein gesamtes Opernensemble, vollendet beherrscht und eingesetzt. Er ist der erste Opernkomponist, dessen Musik gegenüber der Spielhandlung ein autonomes Eigenleben entfaltet. Beim Abschied in Cosi fan tutte beispielsweise wissen die beiden Männer, dass sie den beiden Damen nur ein Spiel vorführen, einen Abschied zum Schein. Die Musik aber gestaltet eine ganz ernste, ergreifende sentimental-wehmütige Abschiedsstimmung. Auf einer der Bühnenhandlung gegenüber höheren, das Ende bereits sehenden Ebene weiß die Musik, dass dies ein Abschied für immer ist, und dass die Beteiligten so, wie im Moment, nie wieder zusammenkommen werden. Aus dem in der Handlung gespielten Abschiedsschmerz wird in der Musik reale Trauer. Die Emanzipation der Opernmusik weg von der wie Filmmusik bloß illustrierenden Background-Musik, hin zu einem, sich von der Bühnenhandlung manchmal weit entfernenden selbständigen Musikdrama als zusätzliche höhere Handlungsebene ist in der Opernliteratur später erst wieder bei Wagner und Verdi anzutreffen.

 

Sonderbarer Weise kann dieser lebenslustige, hektische, Spielschulden aufhäufende, hemmungslos vulgäre Briefe schreibende, unermüdlich eruptiv komponierende Götterliebling Mozart musikalische Momente tiefster unendlicher Trauer heraufbeschwören - Beispiel: Klavierrondo a-moll KV 511 (unbedingt hören: Arthur Rubinstein) -, denen jeder Tonfall von Zuversicht zu fehlen scheint. Die feste Geborgenheit des religiös geprägten Weltbildes eines Bach, dessen selbst traurigste Musik nie wirklich traurig ist, ist Mozart nicht gegeben. Ähnlich depressiv-traurige Momente bringt ausser Mozart nur noch Schubert hervor.

 

 

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