Oberhessische Presse vom Freitag, 22. April 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

Beseeltes Musizieren, bei dem

jeder auf den anderen hört

Flötist Andras Adorjan und Virtuosi di Praga begeisterten das Publikum


Marburg. Den 600 Zuhö­rern in der Marburger Stadthalle wurde am Mittwoch zum Ausklang der Konzertverein-Saison Kammermusik vom Feinsten geboten.

von Michael Arndt_______

Einen Dirigenten, der mit dem Taktstock den Ton angibt, brau­chen die 15 Streicher der Virtuosi di Praga nicht. Ihr Diri­gent sitzt am ersten Pult: Kon­zertmeister Oldrich Vlcek ist Erster unter Gleichen, Haupt einer verschworenen Gemein­schaft, in der jeder auf den an­deren hört.

Demokratisches Musizieren also - nicht zufällig ist dieses Kammerorchester in Prag 1989 unmittelbar nach der politi­schen Wende gegründet wor­den.

 

Und es ist ein beglückendes, weil bei aller Präzision unge­mein beseeltes Musizieren. Der auf allen dynamischen Stufen

homogene Klang der Virtuosi di Praga besitzt satte Fülle, sei­digen Glanz, ist reich an Farben und zugleich von vorbildlicher Transparenz. Zu bewundern war all dies gleich im ersten Stück, der Suite für Streichor­chester von Leos Janácek. In dieser reizvollen „Jugendsün­de" spielt der große tschechi­sche Opernkomponist recht ei­genwillig mit barocken For­men.

 

Sie dienen ihm lediglich als Hülsen für eine meist melan­cholische Melodik, in der Janá­cek dem abgöttisch verehrten Antonin Dvorak die Reverenz erweist.

 

Auch als Begleitorchester, nun erweitert um je zwei Hör­ner und Oboen, boten die Vir­tuosi di Praga Kammermusik vom Feinsten und lagen so auf einer Wellenlänge mit dem Meisterflötisten Andras Ador­jan. Außerordentlich leicht ist sein Ansatz, weich und warm, leuchtend wie ein kostbarer Edelstein sein Ton, vollkommen natürlich und von mitreißender  Frische sein Musizieren.

 

Ideale Voraussetzungen also für die Wiedergabe von Wolf­gang Amadeus Mozarts D-Dur-Konzert KV 314, das dieser ur­sprünglich für Oboe und in C-Dur komponiert hat und in des­sen Schlusssatz die erste Blondchen-Arie aus dem Sing­spiel „Die Entführung aus dem Serail" vorweggenommen wird.

 

Verbindungen zur Oper knüpft auch das knapp zehn Jahre später entstandene Kon­zert für Flöte und Orchester Nr. 7 e-Moll von Francois Devienne.

 

Und es gibt darin Rückbezüge zu den barocken Concerti von Antonio Vivaldi. Atemberau­bend war, mit welcher Mühelo­sigkeit Adorjan die hohen vir­tuosen Anforderungen im dra­matisch drängenden Kopfsatz und im slawisch eingefärbten Rondofinale meisterte. Und im fast schon romantischen Mit­telsatz bot er nobelsten Flöten-Belcanto.

 

Für den begeisterten Applaus der 600 Zuhörer bedankte sich Adorjan mit einem köstlichen Scherz des 1973 in München ge­borenen Komponisten Jörg Widmann: „Badinerie", unüberhörbar eine Huldigung an Jo­hann Sebastian Bach.

 

Danach spielten die Virtuosi di Praga noch ein Mozartsches Juwel, die A-Dur-Sinfonie KV 201. Außerordentlich differen­ziert widmeten sie sich der streichquartettnahen filigra­nen Stimmführungskunst.

 

Vor allem aber besaß die Wie­dergabe des Prager Orchesters jene humane Ausdruckswärme, die das Konzertverein-Publi-kum vor zwei Wochen bei der Russischen Kammerphilhar­monie St. Petersburg in Mo­zarts Es-Dur-Sinfonie KV 543 so schmerzlich vermisst hatte.

 

Auch die Virtuosi di Praga waren in Geberlaune und spiel­ten gleich zwei Zugaben: Dvoraks „Humoreske" („Eine kleine Frühlingsweise") und das zündende Finale aus Peter Tschaikowskys Streicherserenade.