Berliner Morgenpost vom 22. Oktober 2003:

"Matt Haimovitz und Bachs unberührbare Cello-Suiten


Sonderzüge nach Marburg wird es am Samstag, dem 28. Februar nächsten Jahres, sicherlich
nicht geben. Dennoch dürfte die Reise sich lohnen, obwohl in der Stadthalle ab 18 Uhr weder
Madonna plus Grönemeyer duettieren noch Udo Lindenberg dort wieder einmal den Zug nach
Pankow abfahren lässt.


Nicht einmal ein zusätzlicher Deutschland-Auftritt von Bob Dylan ist angesagt. Nichts dergleichen. Es
geht vergleichsweise leise, aber gleichzeitig dennoch schier einzigartig hochmusikalisch zu: Matt
Haimovitz (33) spielt auf einen Rutsch im selbstvergessenen Alleingang die Cello-Suiten von Johann
Sebastian Bach. Welche? Donnerwetter - alle sechs! Der Junge hat Mut. Aber er kann es sich auch
erlauben, ihn zu haben. Haimovitz zählt längst zur Weltelite unter den Cellospielern. Zu ihnen gehörte
(und gehört noch immer) Mstislav Rostropowitsch seit langer Zeit. Dennoch - um die Bach-Suiten spielte
er mit scheuer Ausdauer anhaltend herum. Sie galten ihm, dem berühmtesten Cellisten nach
Casals, gewissermassen als "Unberührbare": als schiere musikalische Heiligtümer, denen man sich am
besten nur mit den Augen auf dem Notenpapier, statt mit dem Bogen auf den Cello-Saiten annähern
durfte. Erst kurz vor Eintritt des Rentenalters, wenn es für Cellisten überhaupt ein solches gibt, wagte es
Rostropowitsch, die sechs Suiten für die Schallplatte einzuspielen. Bis dahin hatte er, Jahrzehnte
zurück, nur zwei einzelne Suiten für die Schallplatte aufgenommen. Nun also ging er im wahrsten Sinne
des Wortes aufs Ganze.

Das war auch schon der kleine, erst dreizehnjährige Pablo Casals gegangen, der in Barcelona im Café
Pajarera in einem Septett zur Unterhaltung der Gäste sein Cello spielte. Er hatte überdies endlich
gerade eines für Erwachsene geschenkt bekommen, und war mächtig stolz darauf. Stets und ständig auf
der Suche nach Stücken, die er hätte spielen können, buddelte er eines Tages bei einem Antiquar in
Barcelona ein ganzes Bündel zerschlissener, für Cello geschriebener Noten aus. Es waren die sechs
weitgehend unbekannten Cello-Suiten von Bach, von deren Existenz der kleine Pablo, aber auch seine
Lehrer noch nie gehört hatten. Casals schleppte sie nach Hause und stürzte über sie her.

Es ist schon ebenso rührend wie begeisternd, von ihm darüber zu hören: "Ich studierte sie und arbeitete
an ihnen die nächsten zwölf Jahre Tag für Tag. Jawohl, zwölf Jahre sollten vergehen, ehe ich mit
fünfundzwanzig den Mut aufbrachte, eine jener Suiten öffentlich im Konzert vorzutragen. Man hatte diese
Suiten für akademisches Zeug gehalten, für mechanischen Etüdenkram ohne musikalische Wärme. Man
muss sich das einmal vorstellen. Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die
Quintessenz aller Musik". War nicht in der Folge Casals selbst für Jahrzehnte so etwas wie die
Quintessenz allen Cellospiels? Ich habe ihn noch in Puerto Rico gehört, bei dem von ihm begründeten
Festival, umringt von seinen hingebungsvoll musizierenden "Leibeigenen", Alexander Schneider an der
Spitze, die man richtiger wohl Casals' "Geist-Eigene" hätte nennen müssen. Ergriffenheit herrschte: von
der Musik, die erklang; von dem Mann, der sie unvergleichlich hingebungsvoll aus ihrem Schweigen
erlöste. Man umgab Casals in weitem Abstand mit Scheuheit und Devotion. Madame Martita Casals,
eine ehemalige Schülerin, stiess uns allesamt mit kräftiger Cellistinnenhand immerfort in den Rücken.
"Ran, ran!", flüsterte sie energisch. "Wenn ihr euch ihm nicht nähert, stirbt er".

So schlimm war es wohl nicht. Aber Einsamkeit, gezeugt von übertriebener Ehrfurcht und offenbar
unangemessener Rücksichtnahme, lag deutlich um den alten Herrn, den man offenkundig in Watte zu
packen suchte, obwohl er danach beileibe nicht schrie. Er war einem Leben spendenden Quentchen
Bewunderung durchaus nicht abgeneigt. Er war, seit seiner Knabenzeit ein konzertierender Künstler, mit
ihr aufgewachsen. Auch die über Jahrzehnte inhalierte Bewunderung ist eine Droge, die sich nicht ohne
negative Entziehungserscheinungen einfach absetzen lässt.

Heute würde sicherlich ein Entzug der Cello-Suiten von Bach nicht nur von Cellisten als musik- und
menschenunfreundlicher Akt gebrandmarkt werden. Hinzu kommt ein ganz neuer Heisshunger auf
Vollständigkeit, eine Nimmersattheit, wenn es um das Meisterwerk geht. Stunde um Stunde schart sich
das Publikum um Goethes "Faust", wenn ihn Peter Stein ungekürzt szenisch erzählt. Wenn Homero
Francesch in einem einzigen pianistischen Durchgang "Iberia" von Isaac Albéniz spielt, ein Gipfelwerk
der Klavierliteratur aller Zeiten, steht das Publikum kopf. So und nicht anders ist es auch am 28. Februar
nächsten Jahres zu erwarten, wenn in Marburg Matt Haimovitz hinter einander sechsmal Bach auf
seinem Matteo Goffriller-Cello spielt. Die Lust am Dabeisein lässt sich übrigens leicht unter
"konzertverein@aol.com" befrieden.


Klaus Geitel"



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